Psychische Erkrankungen im hausärztlichen Alltag Vortrag 2017

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Prof. Dr. Nenad Vasic

Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Klinikum Christophsbad
Faurndauer Straße 6–28, 73035 Göppingen
Tel.: 07161 601-0
Fax: 07161 601-9332
nenad.vasic@christophsbad.de

 

Für die hausärztliche Praxis sind v.a. drei Krankheitsbilder relevant: Depressionen, Schizophrenie und Suchterkrankungen.

Depressionen

Häufigkeit
Depressionen sind ein sehr vielfältiges Krankheitsbild mit unterschiedlichen Erscheinungsformen und gehören zu den häufigsten psychischen Störungen (Lebenszeitprävalenz bei Frauen: 10–25%, bei Männern: 5–12%). Bis zum Jahr 2020 wird die Depression aller Wahrscheinlichkeit nach die häufigste Ursache für Frühberentungen sein. Es gibt zwei Erkrankungsgipfel (Mitte 20 und zwischen dem 55. und 65. Lebensjahr); grundsätzlich kann eine Depression aber in jedem Lebensalter auftreten.

Ursachen
Diese Erkrankung hat sowohl biologische Ursachen (genetische Vorbelastung, Ungleichgewicht chemischer Botenstoffe im Gehirn) als auch psychologische Ursachen (Persönlichkeitsstruktur, soziale Faktoren, Lebensereignisse). In der Regel liegen bestimmte biologische Faktoren vor, die den Patienten für eine Depression „anfällig“ machen, welche dann durch psychologische Faktoren ausgelöst wird.

Symptomatik
Folgende typische Symptome sollte man bei Verdacht auf eine Depression erfragen:
KARDINALSYMPTOME:

  • Gedrückte Stimmungslage
  • Interesselosigkeit
  • Antriebslosigkeit

ZUSÄTZLICHE SYMPTOME:

  • Schlafstörungen (liegen fast immer vor)
  • Konzentrationsstörungen, Gedächtnisdefizite (häufig); begonnene Aufgaben können nicht zu Ende gebracht werden
  • Appetitmangel (häufig)
  • Suizidgedanken (sind gerade bei schweren Depressionen in 80 bis 90% aller Fälle vorhanden; der Arzt sollte den Patienten vorsichtig darauf ansprechen). In bis zu 15% der Erkrankungsfälle ist mit einem Suizid zu rechnen!

 

Verlauf
Es gibt kürzere und länger andauernde depressive Verstimmungen. Nicht jede Depression muss behandelt werden; so gibt es z.B. melancholische Menschen mit gedrückter Grundstimmungslage, bei denen nicht unbedingt Behandlungsbedarf besteht.
WICHTIG: Eine depressive Episode kommt selten allein; bei 50–60% der Patienten ist mit dem Auftreten einer zweiten Episode zu rechnen. (Die Anzahl der früheren Episoden ist ein Prädiktor für die Wahrscheinlichkeit weiterer Episoden.) Unternimmt man nichts dagegen, so kann es zu chronischen depressiven Zuständen kommen.
Der Verlauf der Erkrankung ist sehr unterschiedlich: Meist dauern depressive Phasen einige Wochen bis Monate. 2/3 aller depressiven Episoden remittieren vollständig; 1/3 chronifiziert (Dauer > 2 Jahre), oder es bleiben Restsymptome meist kognitive Defizite, Gedächtniseinbußen) zurück.
Bei Patienten mit einer Depression besteht eine erhöhte Anfälligkeit für verschiedene körperliche Krankheiten (z.B. Infektionen, kardiovaskuläre Erkrankungen).

Therapieoptionen
Hausärzte führen i.d.R. eine Psychopharmakotherapie und/oder Lichttherapie durch. Neue große Studien zeigen, dass die Lichttherapie ebenso gut wirksam ist wie Antidepressiva – wobei morgendliches Spazierengehen bei sonnigem Wetter (eine halbe bis Dreiviertelstunde lang) völlig ausreicht; bei trübem Wetter müssen sich die Patienten vor eine Therapielampe setzen. Antidepressiva gehen mit keinerlei Abhängigkeitsgefahr einher und haben unabhängig von der Substanzklasse eine insgesamt vergleichbare Wirksamkeit; daher sollte man am besten mit einem Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI) beginnen, da diese Substanzen am besten verträglich sind. Die depressive Symptomatik bessert sich i.d.R. nach 3–5 Wochen, bildet sich aber nicht vollständig zurück. Einer neueren Studie zufolge sind Antidepressiva lediglich etwas wirksamer als Placebo; so liegt die Number needed to treat für einen SSRI beispielsweise bei 5–7.
Antidepressiva sollten nicht zu schnell abgesetzt werden: Nach der 1. depressiven Episode sollte man die Antidepressiva-Therapie 6 bis 9 Monate lang for tführen (auch wenn es dem Patienten wieder gut geht) und dann langsam absetzen. Nach der 2. Episode soll die Therapie 1,5 bis 2 Jahre lang, nach der 3. Episode über mehrere Jahre fortgeführt werden, wenn sie dem Patienten hilft und er sie gut verträgt.
Therapieresistenzen gegen Antidepressiva kommen relativ häufig vor. In solchen Fällen können Augmentationsstrategien mit Schilddrüsenhormonen oder Lithium oder eine tiefe Hirnstimulation helfen. Bei therapieresistenten Patienten ist ggf. eine Überweisung an einen Facharzt sinnvoll.

 

Schizophrenie

Symptomatik
Häufige Symptome sind:

  • inhaltliche Denkstörungen, Denkverlangsamung, Denkzerfahrenheit
  • Halluzinationen (der Patient nimmt Stimmen, Geräusche, Bilder wahr, die nicht existieren)
  • häufig sozialer Rückzug, Antr iebsarmut

Am häufigsten (40%) kommt die mit Wahnvorstellungen einhergehende paranoide Schizophrenie vor.

 

Therapie und Krankheitsverlauf

  • Psychopharmakotherapie (Akut- und Langzeittherapie)
  • Psycho- und Soziotherapie
  • Elektrokampftherapie

Für den Verlauf unter Therapie gilt die „Drittelregel“:

  • 1/3 Heilung oder leichte Residualzustände
  • 1/3 mittelschwere Residualzustände mit gelegentlichen Exazerbationen
  • 1/3 schwere Residualzustände

Viele der Patienten werden vorzeitig berentet, leben in Heimen oder betreuten Einrichtungen.

 

Wichtig für Hausärzte:

  • Schizophrene Patienten werden oft körperlich krank, da sie nicht auf ihre Gesundheit achten. So leiden sie z.B. häufig unter einem metabolischen Syndrom. Auch Suchterkrankungen (Drogenkonsum, Alkohol- oder Nikotinabhängigkeit) kommen bei ihnen gehäuft vor.
  • Unter Neuroleptika-Therapie sollte man die Patienten über potenzielle Nebenwirkungen aufklären und regelmäßig EKG, Gewicht und Leberwerte kontrollieren. (Viele Neuroleptika, z.B. Olanzapin, Quetiapin und Clozapin, führen zur Gewichtszunahme.)

 

 

Suchterkrankungen

Häufigkeit
Suchterkrankungen sind eine echte Volkskrankheit.
Zahlen für die BRD:

  • Nikotin: 10 Millionen abhängig
  • Alkohol: 1,5 Millionen abhängig, 2,5 Millionen schädlicher Alkoholkonsum, 8,3 Millionen riskanter Alkoholkonsum

Typische Befunde bei Alkoholmissbrauch:

  • Gamma-GT-Erhöhung ohne Transaminasen-Erhöhung
  • Erhöhte CDT-Werte über den Zeitraum der letzten Wochen

 

Therapie
Die Entwöhnungstherapie erstreckt sich über mehrere Wochen bis Monate.

  • 1. Schritt: Den Patienten zur Entgiftung in ein internistisches Krankenhaus oder eine psychiatrische Einrichtung schicken (Dauer: 1–4 Wochen, stationär)
  • 2. Schritt: Entwöhnungsphase (Fachklinik oder Suchtstation eines Krankenhauses, Dauer: 4 Wochen–6 Monate, stationär)
  • 3. Schritt: Nachsorge- und Rehabilitationsphase (Suchtberatungsstelle, Selbsthilfegruppe, Dauer: mehrere Jahre)

Allerdings liegen die Rückfallraten bei über 90% innerhalb von einem Jahr. Daher ist nach dem Alkoholentzug eine medikamentöse Rückfallprophylaxe sinnvoll: Acamprosat (Campral®) und Naltrexon (Adepend®) reduzieren den Suchtdruck (Craving).