Psychosomatik Vortrag 2016

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Prof. Dr. Stephan Zipfel

 

Ärztlicher Direktor der Klinik Innere Medizin VI,
Medizinische Universitätsklinik und Poliklinik Tübingen
Osianderstr. 5
72076 Tübingen

 

 

Essstörungen

Prof. Zipfel bot in seinem Vortrag einen Überblick über das Thema Essstörungen, wobei die Magersucht (Anorexia nervosa) im Mittelpunkt stand, welche zwar von allen Essstörungen die geringste Prävalenz hat (Lebenszeitprävalenz bei Frauen: zirka 1,9%), aber am schwerwiegendsten ist und mit der höchsten Morbidität und Mortalität einhergeht. Die Anorexia nervosa wird folgendermaßen definiert (DSM-IV):

Das Körpergewicht wird absichtlich unterhalb des für Alter und Körpergröße zu erwartenden Gewichtes gehalten.
Massive Furcht vor Gewichtszunahme oder vor dem Dickwerden.
Störung der Körperwahrnehmung.

Man unterscheidet 2 Untergruppen:
„Restriktiver Typ“: Während der aktuellen Phase der Anorexia nervosa kein Erbrechen, kein Kontrollverlust, kein Missbrauch von Abführmitteln bzw. Diuretika.
„Bulimischer Typ“ (Purging-Type): Während der aktuellen Phase der Anorexia nervosa regelmäßige Essanfälle oder Erbrechen oder Missbrauch von Abführmitteln bzw. Diuretika.

Vom ZNS bis hin zu den Knochen gibt es kein Organsystem, das nicht durch die Mangel- und oft auch Fehlernährung beeinträchtigt wird; so kommt es u.a. zu kognitiven Defiziten, Zahnschmelzproblemen durch Erbrechen, Amenorrhö, Anämien, Skelettschmerzen bei Belastung und Frakturen sowie zu pathologischen Laborparametern: Bei mindestens der Hälfte der PatientInnen besteht eine Hyperamylasämie, oft auch eine ausgeprägte Hypokaliämie. Bis zu 21% der PatientInnen mit Magersucht leiden unter den Folgen einer Osteoporose. Die Mortalität liegt bei ungefähr 1% pro Jahr. Die PatientInnen sterben am häufigsten an Infektionen aufgrund einer Leukopenie (daher sollte eine künstliche Ernährung, falls aufgrund der Schwere der Erkrankung indiziert, stets über eine Magensonde und nicht über einen zentralen Zugang erfolgen). Bei PatientInnen mit Hypokaliämie ist ferner das Risiko, an einer Arrhythmie zu versterben, deutlich erhöht.

Therapie: Die Evidenz für medikamentöse Therapieoptionen ist nicht besonders gut; derzeit gibt es kein einziges Medikament, das von den Leitlinien zur Erreichung des Ziels einer Gewichtszunahme empfohlen werden kann. Für Kinder und Jugendliche ist die Wirksamkeit einer familienbasierten Therapie relativ gut belegt; für erwachsene PatientInnen empfiehlt sich eine initial ambulante Psychotherapie bei einem BMI >15 kg/m2, falls dieses Gewicht unterschritten wird und/oder noch weitere Risikofaktoren (wie z.B. rasche Gewichtsabnahme, psychische oder somatische Komorbidität) hinzukommen, ist eine stationäre Behandlung indiziert.

Adipositas-Interventionsprogramme

Ferner ging Prof. Zipfel in seiner Präsentation auf die vom Universitätsklinikum Tübingen (UKT) angebotenen Adipositas-Interventionsprogramme ein. Bei VIADUKT 1 handelt es sich um ein geführtes Gewichtsreduktionsprogramm zur Ernährungsumstellung und Bewegungssteigerung für Erwachsene mit einem BMI ab 35 kg/m². In Zusammenarbeit mit der AOK Baden-Württemberg bietet das UKT ein interdisziplinäres Schulungsprogramm mit Ernährungsumstellung und Bewegungssteigerung in Kombination mit verhaltenstherapeutischen Elementen (10 Gruppensitzungen innerhalb eines Zeitraums von 6 Monaten) an. Die Teilnehmer werden auf ihrem Weg zu einer gesunden Lebensweise und nachhaltigen Gewichtsabnahme von Ärzten, Diplom-Psychologen, Ernährungswissenschaftlern und Sporttherapeuten unterstützt. VIADUKT 2 ist ein psychoedukatives Interventionsprogramm zur Vorbereitung auf ein chirurgisches Verfahren zur Gewichtsabnahme. Es wendet sich an adipöse Erwachsene mit einem BMI ab 40 kg/m², die auf ein indiziertes operatives Verfahren vorbereitet werden sollen. In Zusammenarbeit mit der AOK Baden-Württemberg bietet das UKT ein interdisziplinäres Gruppenprogramm mit 4 Schulungsterminen zur Ernährung, Bewegung und Verhaltensänderung an, so dass eine optimale Vorbereitung auf eine nachfolgende Operation sichergestellt werden kann.